Freudenstadt
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Und wer kümmert sich um die Opfer?

Freudenstadt - Jeder kann Opfer werden - und dann ist man meistens sehr allein. Die Täter stehen im Mittelpunkt der Ermittlungen, bekommen Anwälte und psychologische Betreuung. Die Opfer bleiben allein. Diese Lücke füllt seit 1976 der WEISSE RING. "XY-Erfinder“ Eduard Zimmermann stellte die Opfer in den Mittelpunkt, und heute hat die Opferhilfeorganisation bundesweit 400 Außenstellen und ist von 7 bis 22 Uhr telefonisch erreichbar. Birgit Bihler, die die Außenstelle Freudenstadt leitet, hat 40 Jahre Polizeidienst hinter sich und weiß, was Opfer brauchen: „Jemanden, der ein offenes Ohr hat und zuhört“. 

Jetzt hatte Birgit Bihler interessierte Zuhörerinnen im Frauencafé, dem Treffpunkt des Frauennetzwerks Region Freudenstadt. Und die erfuhren mit Schrecken, dass sich 62 Opfer 2018 bei der Außenstelle des WEISSEN RINGS in Freudenstadt gemeldet haben und in diesem Jahr bereits 42 Opfer betreut werden. Alle drei Minuten wird in Deutschland eine Straftat begangen und oft sind die psychischen Folgen für die Opfer extrem. Der WEISSE RING versteht sich als unabhängige Organisation, die auf vielfältige Weise materielle und immaterielle Hilfe leistet und die schnell und gut vernetzt den Zugang zu Experten oder Hilfsleistungen anderer Organisationen vermittelt sowie die Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht anbietet. Da der Verein ganz bewußt keine staatliche Unterstützung erhält, ist er für seine Aufgaben ganz auf Mitgliederbeiträge und Spenden angewiesen.

Bei einem Großteil der gemeldeten  Fälle handelt es sich um sexualisierte Gewalt. Und da hat der WEISSE RING ein eingespieltes Netzwerk zur Hand - in Zusammenarbeit mit der Frauenhilfe gibt es die anonyme Spurensicherung im Krankenhaus, die es den Opfern ermöglicht, zunächst die Spuren zu sichern und dann in aller Ruhe zu entscheiden, ob man Anzeige erstatten will. Dem WEISSEN RING kommt eine Lotsenfunktion zu, um Sozialamt, Diakonie, aber auch Rechts- und psychologische Beratung hinzu zu ziehen.

Die Ehrenamtlichen vom WEISSEN RING unterliegen zwar nicht der Schweigepflicht im strafrechtlichen Sinn, halten sich aber akribisch an die Vorschrift der Vertraulichkeit. Das Opfer bleibt Herrscher des Verfahrens und manchmal ist nach einem einzigen Gespräch alles geregelt, manchmal dauert es auch sehr viel länger. 2.900 Ehrenamtliche sind bundesweit im Einsatz, wobei es nicht leicht ist, neue Betreuer zu finden. Denn eine gefestigte Persönlichkeit ist Grundvoraussetzung, ein Helfersyndrom ist eher hinderlich.

Auch in der Prävention sieht der WEISSE RING seine Aufgabe, wobei zunehmend Opfer des „Enkeltricks“ in seinen unterschiedlichen Varianten auftreten. Die zumeist älteren oder einsamen  Menschen werden psychologisch von Kriminellen so bearbeitet, dass sie größere Summen für vermeintliche Angehörige bereitstellen und erst später schamvoll erkennen, dass sie Betrügern aufgesessen sind.

Zur Bewältigung der Aufgaben des WEISSEN RINGS sind viele Schulungen und ein ganzer Strauß an Fortbildungen nötig, so dass der WEISSE RING auf Spenden und Mitglieder angewiesen ist. Viele TV-Tatort-Kommissare werben für den WEISSEN RING, der sich unter den deutschen Hilfevereinen wie DRK und Feuerwehr einen guten vierten Platz in der öffentlichen Anerkennung (Gemeinwohlatlas 2019) erarbeitet hat. Eigentlich wäre es nur recht und billig, wenn Geldbußen verurteilter Täter von den Gerichten dann auch der Opferhilfeorganisation zugute kämen. Das ist aber leider nicht immer der Fall. (www.weisser-ring.de und www.frauennetzwerk-freudenstadt.de)